Für mich ist Sprache für die Arbeit ein Werkzeug und im Privaten eine Spielwiese. Sprache ist weit entfernt davon perfekt zu sein, um Gedanken auszudrücken. Der Reiz liegt jedoch darin, es trotzdem zu versuchen. Jemand der die Faszination von Sprache mindestens so gut wie ich versteht, ist Faby.
Er ist der Autor von Mokita.de. Neben dem Bloggen beschäftigt er sich auch noch auf viele andere Arten mit geschriebener sowie gesprochener Sprache. Er ist Autor, Slampoet und Hörspiel-Macher und ich bewundere ihn für alle drei Sachen.
Eines seiner Projekt nennt er «Strassenpoesie». Mit diesem Namen hat er meine Neugier geweckt und ich wollte wissen, was dahinter steckt. In «5 Fragen an…?» erklärt Faby was dieses Projekt ist und wie es entstand, ausserdem fasst er seine Leidenschaft für Sprache in Worte und erzählt in welchen Momenten, auch er die Sprache verliert. Lest selbst.
Was fasziniert dich so an Sprache, dass du dich auf alle möglichen Arten mit ihr auseinandersetzt?
Neben den schreiberischen Tätigkeiten in meiner Freizeit studiere ich an der Musikhochschule in Stuttgart Sprechkunst und Kommunikationspädagogik. Ich bin also tatsächlich immer mit Sprache in all ihren Facetten beschäftigt. Einerseits ist es die Fantasie, die man durch Worte anregen kann. Andererseits ist es die Resonanz, die kommt, wenn man Menschen mit Worten konfrontiert. Es ist aber auch die Freiheit, die uns die deutsche Sprache gibt. Es gibt so viele Wörter und so viele Möglichkeiten, eine ganz bestimmte Sache ganz differenziert auszudrücken. Man kann so schön mit den Sprachbildern spielen, Menschen verwirren, sie bannen und sie faszinieren, sowohl mit dem gesprochenen, als auch mit dem gedruckten Wort. Und irgendwo ist es auch der Trotz, in der heutigen Welt, in der alles darauf angelegt ist, schneller und effizienter zu funktionieren, einfach mal geblümt zu sprechen und sich umständlich auszudrücken. Manchmal ist es schön, Umwege zu machen. Besonders, was Sprache angeht.
Was ziehst du vor geschriebene oder gesprochene Sprache?
Das kommt ganz auf den Zweck an. Während du in der geschrieben Sprache noch viel fantasievoller sein kannst, ist bei jeder gesprochenen Sprache immer Interpretation dabei. Wenn ich mit Menschen rede, Alltagssprache also, da stehe ich auf das gesprochene Wort. Das vermeidet Missverständnisse. Aber bei Literatur hat beides seine Reize. Es ist superinteressant, wie ich persönlich einen Text lese und wie er seine Bedeutung ändert, wenn ihn mir jemand vorliest.
Trotz aller Eloquenz: gibt es Momente in denen dir die Worte fehlen?
Oh ja! Viele sogar! Oft, wenn ich mit Menschen rede und ihnen in die Augen sehe, dann kann ich einfach nicht weitersprechen. Da verliere ich mich gern drin. Manchmal auch, wenn ich am Schreiben bin und die zweiten Gedanken einsetzen, also die, die sich im Hintergrund mit allem möglichen beschäftigen: «Ist mein Hosenstall zu?», «Wann war heute Abend der Termin?» oder «Weiß sie wirklich, wie sehr ich sie liebe?». In diesen Momenten setzt das Schreiben aus. Obwohl die Worte dann irgendwie immer noch ihre Runden drehen. Nur eben innerlich.
Eines deiner Sprachprojekte heisst «Strassenpoesie». Was muss man sich darunter vorstellen?
Strassenpoesie heisst: Ein kleiner Tisch, ein Stuhl, eine Schreibmaschine, Blankopostkarten und ich. Leuten, die vorbeikommen, drücke ich Postkarten in die Hand, auf die sie auf der einen Seite ihren Namen und ein Thema oder ein paar Worte schreiben. Auf die andere Seite tippe ich dann innerhalb von 10 bis 20 Minuten einen Text.
Wie bist du auf die Idee zu diesem Projekt gekommen?
Irgendwann habe ich plötzlich eine Schreibmaschine auf meinem Tisch stehen gehabt. Und wenn man ein bisschen mit Schreibmaschinen zu tun hat, dann stösst man irgendwann auf die Hermes Baby. Eine Reiseschreibmaschine grossartigster Perfektion aus der Schweiz mit einer grossen Geschichte. Sozusagen das MacBookAir und gleichzeitig der Käfer unter den Schreibmaschinen: Geiles Design und handwerkliche Präzision und dennoch ein riesiger Verkaufserfolg. Viele der Grossen schrieben auf einer Hermes Baby. Knapp ein Jahr suchte ich nach einer und hatte dann irgendwann Anfang 2011 meine Hermes Baby von 1948. Ein Freund erzählte mir von San Francisco und dass dort Leute auf der Strasse mit Schreibmaschinen für Passanten Gedichte schreiben. Es ist also nicht meine Idee. Aber ich kenne bisher niemanden. der das in Deutschland macht. Also, dachte ich mir, will ich das tun.
Hat es beim ersten Mal Überwindung gekostet, Passanten anzusprechen und in aller Öffentlichkeit zu schreiben?
Leah, ich muss dir leider gestehen: Bisher habe ich den Mut nicht aufgebracht, mich in Deutschland in eine Fussgängerzone zu setzen. Also ja, es kostet extrem viel Überwindung und das habe ich noch nicht geschafft. Bisher habe ich einen experimentellen Lauf gemacht auf der FKK Frischfleisch in Karlsruhe. Bei dieser kostenlosen Vernissage sass ich in einem Kassenhäuschen am Eingang der Halle und habe von Leuten beim Eintritt die Karten entgegengenommen und bei ihrem Verlassen der Halle eine Geschichte mitgegeben. Dabei ist es den Besuchern zu verdanken, dass ich niemanden ansprechen musste, im Gegenteil. Menschen sind neugierig genug, zu fragen, was ich da mache.
Welches ist dein positivstes und welches dein negativstes Erlebnis, dass du mit «Strassenpoesie» gemacht hast?
Ich wüsste kein positives Erlebnis, welches ich aus den vielen herausgreifen könnte und gar kein negatives, weil eigentlich keines aufgekommen ist. Positiv sind die Lächeln auf den Gesichtern, die Überraschungen in den Blicken, wenn die Leute dachten, sie geben mir Worte, mit denen man nichts anfangen kann und die Gespräche, die sich aus den Geschichten entwickeln. Und vieles mehr. Negativ ist meine Übereifrigkeit: Ich habe hier noch einen kleinen Stapel Karten, der noch immer nicht getippt ist, weil ich zu vielen Menschen eine Karte zugesagt habe. Jetzt muss ich nacharbeiten und Menschen warten lassen. Das ist nicht gut.
Letzte Frage: Gibst du mir eine Kostprobe deines Lieblingstextes, der im Rahmen von «Strassenpoesie» entstanden ist?
Noch besser! Du gibst mir ein Thema oder ein paar Worte und du bekommst eine Geschichte. Und bevor ich mit tippen beginne: Danke für die Fragen und das Interesse. Es hat mich extrem gefreut, sie beantworten zu können. Sobald ich mich tatsächlich auf die Strasse traue, melde ich mich. Vielleicht sollte ich bei dir in der Schweiz vorbeikommen und dort damit beginnen.
Ich danke dir, Faby. Für alle acht Antworten. Das Thema war viel zu interessant, um nur fünf zu stellen. Folgende Worte gebe ich dir für den Text: Langweile, Papageientaucher, lügen und rasend.
Und das ist die Geschichte, welche Faby für mich und «Splitter von Glück» geschrieben hat. Vielen Dank.



Ich bin Leah. Begeisterte Amateur-Fotografin, Rucksack-Touristin und Bloggerin.


Pingback: Interview: Leah stellt 5 Fragen an mich über Straßenpoesie. : mokita
Freut mich sehr, die Karte wohlbehalten bei dir zu sehen
Ich habe mich auch sehr über die Karte gefreut und nochmals herzlichen Dank, dass du dich für das Interview zur Verfügung gestellt hast.